Was ist Rocksteady?

Als direkter Vorläufer des jamaikanischen Reggae weist Rocksteady eine reduzierte rhythmische Begleitung und ein entspanntes Feeling auf, was dem Sänger eine ausdrucksvollere musikalische Phrasierung und eine grössere Freiheit bei der Formulierung der Songtexte ermöglicht. Alle diese Elemente blieben auch beim Reggae erhalten.

Geschichte des Rocksteady
Mitte der 1960er, als Ska in Jamaika immer noch sehr populär war, gab es einen Rhythmuswechsel, begleitet von einem neuen Tanzschritt. Der Sänger Hopeton Lewis erklärt, dass Rocksteady hauptsächlich durch einen Zufall entstand. 1966, während einer Aufnahmesitzung von „Take It Easy”, fand Hopeton Lewis es schwierig, mit dem schnellen Ska-Rhythmus Schritt zu halten. Bei dieser Sitzung war Studiopersonal wie der Bassist Jackie Jackson, der Pianist Gladstone „Gladdy” Anderson sowie einer der wichtigsten Pioniere des neuen Musikstils, Gitarrist Lynn Taitt, anwesend. Lewis erzählt die Geschichte folgendermassen: „Der Song war im beliebten Rhythmus dieser Zeit, Ska, geschrieben. Aber ich konnte dem Ska-Beat nicht folgen – er war einfach zu schnell. Deshalb bat ich Gladdy, langsamer zu spielen. Gladdy sagte: ‚Dieser Junge ist ein Rocksteady’. Der Begriff blieb hängen. Der Song wurde so schnell zum Hit, dass ich es gar nicht glauben konnte.“

Plötzlich sang jeder in Jamaika „Take it Easy”. Dieser bei Federal Records aufgenommene Song wurde schlagartig zum Hit. Ihm folgten „Rocka Shacka”, „Sounds and Pressure” und „Cool Cool Collie”. Während die Filmemacher von Rocksteady: The Roots of Reggae glauben, dass „Take it Easy” der erste Rocksteady-Song war, behaupten andere Quellen, dass es sich bei „Get Ready to Rocksteady” von Alton Ellis um den ersten Song dieses Musikstils handelte. Die grösste Änderung beim Musikstil lag darin, dass beim Ska eine Vielzahl von Perkussionsinstrumenten, eingängige Gitarrenriffs und zahlreiche Bläser eingesetzt wurde, während Rocksteady vor allem durch ausgeprägte Basslinien geprägt war, die auf eine entspannte Art interpretiert wurden. Ausserdem nahm die gesamte Bandgrösse ab, während die Anzahl der Solokünstler und Gruppen zunahm. Es entstanden Bands wie The Gaylads, Desmond Dekker & The Aces, The Paragons, The Techniques und später The Uniques, The Maytals und The Wailers. Bob Andy, Roy Shirley, Ken Boothe, Delroy Wilson und Alton Ellis waren die Hitfabriken dieser Zeit, genauso wie der Newcomer Hopeton Lewis, dessen Popularität lange anhielt.

Mit Duke Reid als Produzent leistete Alton Ellis einen grossen Beitrag zu dieser Musikära mit den Klassikern „Girl I’ve Got a Date“, „Breaking Up“ und „I'm Still in Love with You“. The Paragons hatten eine Reihe von Hits wie „Memories by the Score“, „On the Beach“ und „Wear You to the Ball“, was die Bedeutung der Gesangsgruppen in diesem Stadium unterstrich. Slim Smith and the Techniques verwendeten auch Hits von Curtis Mayfield in Songs wie „Little Did You Know”.

Bei Rocksteady war ausserdem ein Anstieg der gesellschaftlichen Kommentare bzw. Botschaften zu verzeichnen. Es wurden so genannte „Rudie“-Songs aufgenommen, die als Kommentar zur Realität jener Zeit im Ghetto zu verstehen waren. Bei den „Rudies” – auch Rude Boys genannt – handelte es sich um gewaltbereite Gangs. In den 60ern waren junge Leute in Scharen aus den ländlichen Regionen in die städtischen Ghettos von Kingston wie Riverton City, Greenwich Town und Trenchtown geströmt. Obwohl im Land nach der kurz zuvor (1962) erfolgten Unabhängigkeit im Allgemeinen ein optimistisches Klima herrschte, fanden diese verarmten Jugendlichen keine Arbeit in Kingston. Viele von ihnen schlossen sich Kleinkriminellen an, die eine gewisse Coolness an den Tag legten. Man nannte sie „Rudies”.

Das Phänomen der Rude Boys existierte schon Anfang der 1960er während der Ska-Zeit, wurde jedoch deutlicher während der Rocksteady-Ära in Songs wie „Rude Boy Gone a Jail“ von der Gruppe The Clarendonians, „No Good Rudie“ von Justin Hinds & the Dominoes, „Don't Be a Rude Boy“ von The Rulers und „Tougher Than Tough“ von Derrick Morgan. Desmond Dekker and The Aces waren bei diesem Genre führend und landeten mit „(Poor Me) Israelites“ einen der grössten internationalen Hits.

Rocksteady-Sänger schrieben Lieder, deren Texte die Realität der jamaikanischen Gesellschaft reflektierten oder kommentierten. Eines der treffendsten Beispiele hierfür ist „Everything Crash“ von der Band The Ethiopians (1968). Der Song handelte von der Streikwelle, die das Land erschütterte. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er einer der ersten jamaikanischen Songs war, die nicht im Radio gespielt werden durften, und dies nicht aufgrund von unmoralischen oder anzüglichen Texten. Die grössten Musikproduzenten dieser Zeit arbeiteten direkt mit den Erfindern dieses Musikstils zusammen. Am erfolgreichsten war C.S. „Coxsone“ Dodd. 1963 gründete Dodd das erste jamaikanische Aufnahmestudio im Besitz von Schwarzen in der Brentford Road (Kingston). Der offizielle Name lautete Jamaican Recording and Publishing Studio, aber es wurde unter dem Namen Studio One bekannt. Dieser Name wurde dann auch für das Label von Dodd verwendet. Neben den Skatalites, die als Hausband für das Label fungierten (und die selbst eine Reihe von Instrumental-Hits hatten), produzierte Studio One einige der besten und grössten Hits dieser Zeit mit Platten von Delroy Wilson, Toots & the Maytals, Lee „Scratch” Perry, Bob Andy und – vielleicht am wichtigsten – Bob Marley & the Wailers, einschliesslich ihres Nr.1-Debüthits „Simmer Down“. Dabei wurde Studio One zu einer unschätzbaren Talentschmiede für eine ganze jamaikanische Musikergeneration. Dodd war ständig auf der Suche nach neuen Talenten, die jede Woche bei ihm vorsangen. Häufig stellte er auch Gesangsunterricht für talentierte, aber technisch noch unfertige Sänger zur Verfügung. Das hohe Tempo, in dem das Studio Aufnahmen durchführte, sorgte für eine volle Auslastung der Arrangeure, Produzenten und Musiker. Hierdurch erhielten sie das praktische Know-how, das einigen dabei half, sich später unabhängig zu machen. Auf diese Weise bildete sich ein solides Fundament für die Weiterentwicklung der Musikbranche in Jamaika heraus.

Die Rocksteady-Ära bleibt einer der am häufigsten gesampelten Teile aus dem umfangreichen Musikkatalog von Dodd. Durch neue technische Möglichkeiten wie Mehrspuraufnahmen, die sattere Vokalklänge und sparsamere, subtilere Arrangements erlaubten, perfektionierte Dodd seinen typischen souligen, erdigen und ursprünglichen Sound. Dies wurde zu einer Klangformel, die bis in die Reggae-Ära verwendet wurde. Zu den wichtigsten Künstlern von Studio One gehörten in dieser Zeit Alton Ellis, The Heptones, The Ethiopians, Jackie Mittoo, Delroy Wilson, Marcia Griffiths und Ken Boothe. Duke Reid, der zuerst als Polizist tätig war und dann zum Eigentümer eines Lebensmittel-/Spirtuosenladens und zum Dancehall-DJ wurde, baute ein Aufnahmestudio direkt über dem Spirituosenladen Treasure Isle Liquor Store. Ab 1959 begann er damit, eigens Material zu veröffentlichen. Er gründete eine Hausband und produzierte Singles von Derrick Morgan and The Jiving Juniors sowie viele Ska-Hits von den Skatalites, Stranger Cole, The Techniques, Justin Hinds & The Dominoes und anderen. 1966, zu Beginn des Rocksteady-Beats, übertraf der Erfolg von Treasure Isle den von Dodds Studio One. In der Zeit, als die Rocksteady-Musik ihren Höhepunkt erreichte (1966-1969), veröffentlichte Reid viele seiner besten Produktionen. Alton Ellis, Phyllis Dillon, The Melodians, The Paragons, The Ethiopians und The Jamaicans, alle machten ihre Aufnahmen bei ihm, unterstützt von Reids neuer Hausband, Tommy McCook & The Supersonics.

Reid spielte auch beim neuen Dancehall-Genre eine wichtige Rolle: DJs begannen damit, populäre Songs mit ihren eigenen Reimen zu belegen, was als „Chatting“ oder „Toasting“ bezeichnet wurde. U-Roy war ein Pionier auf diesem Gebiet. Reid kam die Idee, den DJ über schon existierende Rhythmustracks aus früheren Treasure Isle-Hits sprechen zu lassen. Die Ergebnisse waren enorm populär; einmal kam es vor, dass vier der frühen Singles von U-Roy gleichzeitig in den jamaikanischen Top Five vertreten waren. Reid produzierte U-Roy auch Anfang der Siebziger, wobei er seine älteren Aufnahmen als Material verwendete. Ausserdem veröffentlichte er Aufnahmen von anderen DJs der ersten Stunde, insbesondere von Dennis Alcapone. Der Arrangeur und Gitarrist Lynn Taitt, der wesentlich an der Ausarbeitung des Rocksteady-Sounds beteiligt war, arbeitete sowohl für Sonia Pottingers High Note Label als auch für Treasure Isle von Duke Reid. Taitt war auch bei der schicksalhaften Session in den Federal Studios dabei, bei der Hopeton Lewis dem schnellen Ska-Beat nicht folgen konnte. Zu den Musikern, die einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung des Musikstils hatten, gehörten ausserdem der Keyboardspieler Jackie Mitto, der Schlagzeuger Winston Grennan, der Bassist Jackie Jackson und der Saxophonist Tommy McCook.


 

Entwicklung von Rocksteady zu Reggae


Bei der Entwicklung von Rocksteady zu Reggae Ende der Sechziger spielten mehrere Faktoren eine Rolle. Die beiden wichtigsten Faktoren waren die Emigration der wichtigen Arrangeure Jackie Mittoo und Lynn Taitt sowie die Weiterentwicklung der jamaikanischen Studiotechnik. Letztere hatte eine erhebliche Auswirkung auf den Sound und den Stil der Aufnahmen. Musikalisch gesehen wurden die Basspatterns komplexer und dominierten die Arrangements zusehends. Ausserdem wurde das Klavier durch das Keyboard ersetzt. Andere Entwicklungen: Die Blechbläser rückten weiter in den Hintergrund, während die Rhythmusgitarre härter und perkussiver gespielt wurde. Hinzu kam Perkussion im afrikanischen Stil und ein präziserer und komplexerer Schlagzeugstil. Die Verwendung einer Dub- oder B-Seiten-Version ohne Vocals oder Leadinstrument wurde in Jamaika populär.

Ende der 1960er nahm die Popularität der Rastafaribewegung zu. Viele Rocksteady-Songs konzentrierten sich jetzt weniger auf Liebesthemen, sondern zunehmend auf Black Consciousness, Politik und Protest. Rastafari-Gesang, das Zusammenspiel der verschiedenen Rhythmusgruppen und die Beschäftigung mit spirituellen Aspekten wirkten sich sowohl auf den Rhythmus als auch auf die Texte aus. Die Veröffentlichung des Films ‚The Harder They Come' und der Aufstieg des jamaikanischen Superstars Bob Marley machte Reggae international in einer Weise bekannt, wie dies Rocksteady nie gelungen war. Obwohl Rocksteady nur eine kurze Phase in der Entwicklung der jamaikanischen Musik ausmachte, hatte dieses Genre einen enormen Einfluss auf die nachfolgenden Musikstile Reggae, Dub und Dancehall. Viele ursprünglich für Rocksteady-Songs entwickelte Basslines werden immer noch in der aktuellen jamaikanischen Musik verwendet.

 


 

Kommentare der Künstler zu Rocksteady und Reggae


"Rocksteady ist die Wurzel des Reggae. Wenn du Jamaikaner fragst würden viele sagen, dass sie Rocksteady bevorzugen – weil er den besseren Klang, den besseren Gesang, das bessere Spiel und die bessere Instrumentierung hat."
– Sly Dunbar, Schlagzeuger

"Rocksteady fing 1965/66 an. Er endete eigentlich nie, er wandelte sich bloss in Reggae um."
– Lloyd Parkes, Bassist

"Die Zeiten waren toll in der Rocksteady-Ära. Es gab so viel Liebe und Einigkeit und weder Eifersucht noch Neid unter den Sängern und Musikern... Die Rocksteady-Tage waren die echten Liebes-Tage der Jamaikanischen Musik. Es war eine wunderbare Zeit der Zusammengehörigkeit."
– Stranger Cole, Sänger und Komponist

"Die Rocksteady-Musik und der Rocksteady-Tanz brachte Männer und Frauen viel näher. Der Ska-Tanz war richtig schnell, mit Hüpfen und Schwingen von Armen und Beinen."
– Stranger Cole, Sänger und Komponist

"Im Rocksteady waren der Rhythmus und die Basslinie schön und die Liedtexte über die Liebe."
– Hopeton Lewis, Sänger und Komponist

"Reggae ist nett, aber wenn du zurück in die Tage von Ska und Rocksteady gehst, dann findest du mehr Rhythmus, einen schwingenden Mädchen-Rock und du geniesst die Musik viel mehr. Mädchen und Jungen tanzten zusammen. Heutzutage, wenn du an eine Party gehst, da findest du sowas kaum mehr. Du siehst alle alleine tanzen und es ist etwas total anderes. Während der Rocksteady Ära hatten die Leute viel mehr Spass als heute. Es gab mehr Liebe und Wärme."
– Rita Marley, Sängerin

"Die Leute sollten wissen, dass Rocksteady durch viele verschiedene Musiker entstand. Die ganze Musikindustrie in Jamaika wuchs daran. Nicht nur Reggae, auch Dance Hall hat Basslinien aus dem Rocksteady."
– Hopeton Lewis, Sänger und Komponist

"Die Rocksteady-Ära war eine der besten, weil die Musik frisch und rein war. Wir bekamen zwar kein Geld dafür, aber wir waren alle natürlich und ehrlich. Wir haben einfach aus unseren Herzen gesungen."
– Marcia Griffiths, Sängerin

"Die Rocksteady-Ära war eine romantische Ära. Wir haben Liebeslieder gesungen. Die Ära und die Zeiten – alles zusammen. Es gab keine Gewalt. Man konnte in den Strassen von Jamaika gehen, um Mitternacht, um Eins, um Zwei, ohne dass etwas passierte. Es war eine Zeit, in der Männer und Frauen so viel Spass hatten!"
– Judy Mowatt, Sängerin


 

Kommentare der Künstler über die Rocksteady-Reunion


"Die Rocksteady-Reunion bedeutet mir viel, weil es der Welt eine Chance gibt zu sehen, wer die Vorläufer dieser Musik sind, die diese Rhythmen erfunden haben, die mit diesen Songs gekämpft haben ohne dafür Geld zu bekommen und die die Industrie aufgebaut haben, so dass die heutigen Sänger Geld damit verdienen können."
– Hopeton Lewis, Sänger und Komponist

"Diese Wiedervereinigung der Künstler und Musiker fühlt sich an wie alte Zeiten. In 30 Jahren haben wir nicht mehr zusammen gespielt. Heute neben Hux zu sitzen und die Lieder zu spielen, die wir vor 30 Jahren kreiert haben, brachte viele Erinnerungen zurück. Letzte Nacht konnte ich gar nicht einschlafen, ich war so aufgeladen von der Musik!"
– Jackie Jackson, Bassist

"Es ist dasselbe mit mir. Ich bin sehr glücklich Ernie, Jackie, Gladdy und die Bläser-Jungs zu sehen. Ich hab sie schon sehr lange nicht mehr gesehen! Ich war so nervös gestern..."
– Hux Brown, Gitarrist

"Die Wiedervereinigung bedeutet mir viel, sie zeigt auch, dass diese Musik immer noch lebendig ist... Und dass einige der Leute, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben immer noch leben."
– Glen DaCosta, Saxophonist

"Es ist ein grossartiges Gefühl, all diese Musiker wieder zu treffen. Manche von ihnen habe ich 40 Jahre lang nicht gesehen! Es ist ein schöner Moment für mich."
– Ernest Ranglin, Bandleader und Gitarrist

"Die Musik ist die beste Waffe, die wir heute haben. Wir sind abhängig von dieser Musik, um die Menschen auf der Erde wirklich zu vereinigen, denn das ist alles, was wir haben. Ich bin eine Zeugin dessen, was Bob Marley tat und ich weiss, dass das niemals vergebens ist. Deshalb sind wir nun hier, vereinen alle, fast alle, die bezeugen können, was diese Musik – Rocksteady – und was unsere jamaikanische Musik getan hat und immer noch für die Welt tut."
– Marcia Griffiths, Sängerin